Sea-Eye: Warum man Menschen nicht ertrinken lassen darf

Vor zahlreichen Studierenden stellte der gelernte Maler und Lackierer Michael Buschheuer am Mittwochabend seine Organisation Sea-Eye vor. Gegründet hat Buschheuer Sea-Eye im Herbst 2015 zusammen mit ein paar Freunden, als sie nach dem Ende der Mission Mare Nostrum zur Seenotrettung von Flüchtlingen merkten, dass es keine Nachfolgemission geben würde.

Mare Nostrum war eine Mission Italiens, die ein Jahr lang im Mittelmeer in Seenot geratene Flüchtlingsboote gerettet hat. Nach ihrem Auslaufen, übernahm die Mission Triton, die von der europäischen Grenzschutzbehörde Frontex durchgeführt wird. Deren Ziel ist die Grenzsicherung bzw. Schlepperfahndung – humanitäre Hilfe ein bloßer Nebeneffekt ihrer Tätigkeit.

Ohne große Vorkenntnisse legten sie einfach los, denn „wer in Norditalien segeln kann, kann auch in Süditalien segeln“ – so die Meinung von Hobbysegler Buschheuer. Gemeinsam kauften sie einen alten, hochseetauglichen Fischkutter und brachten ihn für ihr Unterfangen so gut es ging auf Vordermann. Vier Wochen lang schipperte Buschheuer dann im Februar 2016 mit ein paar Mitgliedern des neugegründeten Vereins von der Nordsee nach Italien, um das Schiff an den heutigen Einsatzort zu bringen.

Prof. Dr. Markus Bresinsky begrüßt Michael Buschheuer vor einem großen Publikum Interessierter.

Prof. Dr. Markus Bresinsky begrüßt Michael Buschheuer vor einem großen Publikum Interessierter.

Seitdem ist der Sternhai im Mittelmeer vor der libyschen Küste unterwegs, um in Seenot geratene Flüchtlingsboote ausfindig zu machen. Dabei sei jedes von Libyen aus gestartete Boot per se in Seenot, da die Boote keineswegs hochseetauglich und regelmäßig überladen sind. Die Geflüchteten werden von der Sea-Eye-Besatzung mit dem Notwendigsten (Wasser, Schwimmwesten, Sonnenschutz) versorgt, gleichzeitig alarmiert Sea-Eye die italienische Küstenwache. Dann heißt es warten: vom Tanker über Kriegsschiffe der NATO bis hin zu Schnellbooten der italienischen Küstenwache aus Lampedusa. Zwischen 2 Stunden und einem Tag dauere es, bis die Flüchtlinge von einem anderen Schiff abgeholt werden und dann an sicher an (europäisches) Land gebracht werden.

Die Route von der libyschen Küste nach Malta ist 300 km lang. Die Strecke zu überwinden, dauere ungefähr 40 bis 50 Stunden. Die Schlepper setzen die Flüchtlinge in Boote, die unter guten Verhältnissen auf See maximal zwei Tage halten. Aus eigener Kraft hat es noch kein einziges Flüchtlingsboot geschafft. Sonnenschutz und Wasser neben medizinischer Versorgung und Schwimmwesten sind die wichtigsten Erstversorgungsmaßnahmen, wenn Sea-Eye auf Flüchtlingsboote trifft.

Auf die „Cowboys“ der lybischen Küstenwache könne man dabei nicht zählen, so Buschheuer. Diese seien unberechenbar: sie habe in der Vergangenheit bereits aus heiterem Himmel Schiffe der Ärzte ohne Grenzen unter Beschuss genommen oder Rettungsmaßnahmen behindert – mit tödlichem Ausgang. Auch das zweite Boot der Organisation, Speedy, fiel mitsamt der zwei Mann starken Besatzung der libyschen Küstenwache in die Hände. Nur dank des Einsatzes des Auswärtigen Amtes und der Deutschen Botschaft in Tripolis konnten die Crewmitglieder nach 4 Tagen im Gefängnis befreit werden.

Natürlich hinterließen die Einsätze Spuren, sagt Michael Buschheuer. Er selbst sei, seit er Sea-Eye gestartet hat, hochsensibel geworden, gab Buschheuer zu. Ein Risiko, dessen man sich bewusst sein sollte, wenn man zwei Wochen auf dem Sternhai oder dem Ende 2016 neu angeschafften Seefuchs anheuern möchte. Unterstützt wird die Mission deshalb von den Maltesern, die die Crew vor und nach den Einsätzen auf See betreut.

Mission Menschlichkeit - alles andere sei untragbar, betont Michael Buschheuer.

Mission Menschlichkeit – alles andere sei untragbar, betont Michael Buschheuer.

5568 Menschen hat die Sea-Eye bis dato gerettet und das bei mehr als 4139 Toten (Schätzung der IOM, ohne Dunkelziffer) allein im Oktober 2016, die auf der Route von Libyen nach Malta gestorben sind. Schon in den ersten drei Monaten sind 2017 mehr als 500 Menschen auf dieser Route umgekommen, obwohl in den Wintermonaten weniger Flüchtlingsboote unterwegs seien. Die Mortalitätsrate ist in diesem Jahr mehr als doppelt so hoch wie 2016 – ein weiterer Grund so schnell wie möglich wieder in See zu stechen. Ab April 2017 wird Sea-Eye wieder im Einsatz sein.

Dabei kämpfe Sea-Eye mit einer neuen Herausforderung: Die Öffentlichkeit glaube zunehmend, dass Rettungsmissionen wie die Sea-Eye zum Tod der Flüchtlinge beitrügen. Buschheuer argumentiert, dass ein sogenannter Pull-Effekt durch Rettungsmissionen nicht nachgewiesen werden konnte. Die Flüchtlinge, die aus Westafrika bis nach Libyen gekommen seien, hätten den gefährlichsten Teil der Reise –6.000 km durch die Sahara – bereits hinter sich. In Libyen begegnen ihnen unmenschliche Umstände für Flüchtlinge. Wer sich am Strand weigere in ein Boot zu steigen, werde von Schleppern an Ort und Stelle erschossen. Der Weg über das Mittelmeer sei die einzige Hoffnung. Tausende von Menschen, denen es so ergeht, ertrinken zu lassen, nur damit vielleicht weniger diese Route antreten, sei moralisch nicht vertretbar, so Buschheuer.

Dabei betont Buschheuer: Sollte sich eine professionelle Mission ergeben, die beispielsweise von der EU geführt wird, sei Buschheuer mehr als überglücklich, wenn Sea-Eye nicht mehr gebraucht werde. Bis dahin sei es allerdings noch ein sehr langer Weg. Mit 45€ Kosten pro geretteter Person arbeite die Mission unglaublich effizient. Allerdings seien die Spenden rückläufig, auch aufgrund des Meinungsumschwungs in der Bevölkerung. Der Verein freue sich deshalb über jede Hilfe und Professor Dr. Markus Bresinsky, der Michael Buschheuer für den Vortrag an die OTH Regensburg holte, dankte und verabschiedete Buschheuer mit einem Appell an das vorrangig aus IRMlern bestehende Publikum: Es liege an uns, dieser Generation angehender Weltverbesserer, Politiker, Lobbyisten, Diplomaten und mündigen Bürger Europas, Verantwortung zu übernehmen und untragbare Verhältnisse wie diese zu ändern.

Für mehr Informationen und Möglichkeiten, sich zu engagieren: http://sea-eye.org/

Volontäre des Bayerischen Rundfunks haben eine Mission Sea-Eyes von Anfang an begleitet und eine Dokumentation darüber gedreht, die hier zu finden ist: http://www.br.de/br-fernsehen/inhalt/fluechtlinge-mittelmeer-griechenland-reportage-100.html


Autorin: Birgit Eberl, Artikel zum Vortrag „Sea-Eye“ vom 29.03.2017

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