Buchrezension einer IRM-Professorin: Prof. Dr. Blod berichtet über The Good Soldier

Ford Madox Ford: The Good Soldier. A Tale of Passion (1915)

„This is the saddest story I have ever heard.” So beginnt dieser Roman, der 1915 in England erschien.  Und diesen Titel sollte er ursprünglich auch tragen: „The Saddest Story“. Doch angesichts des Kriegsausbruchs bestand der Verleger auf einem anderen Titel. Ford schlug ironisch „The Good Soldier“ vor – und dieser Titel blieb den englischen Ausgaben bis heute. Die deutschen Übersetzungen hingegen verwenden den ursprünglichen Titel: „Die allertraurigste Geschichte“ und verzichten auf den Untertitel.

England verstehen

Warum liest man einen Roman, der vor mehr als 100 Jahren erschienen ist? Seit meinem Studium und meinem Jahr in London haben mich England und die englische Literatur immer besonders interessiert. Seit dem BREXIT ist die Insel mir zunehmend ein Rätsel, das ich gerne besser verstehen würde. Als Leserin, als Literaturwissenschaftlerin und als Historikerin habe ich häufig die Erfahrung gemacht, durch die Literatur des Landes etwas über das Nationalgefühl des Landes erfahren zu können, vielleicht auch zur historischen Genese des jeweiligen „Nationalcharakters“ (wenn man diesen Begriff denn verwenden darf). Vielleicht hätte mir ja dieser Autor, von dem ich noch nie etwas gelesen hatte, etwas Erhellendes zu sagen? Nach einer kurzen Recherche entschied ich mich für diesen angenehm kurzen Roman (unter 200 Seiten), den der Autor selbst für seinen besten hielt (die Literaturkritik und die Schriftstellerkollegen stimmen ihm darin zu).

Worum geht es in dieser Geschichte?

Sie spielt vor dem Ersten Weltkrieg und handelt von den Beziehungen zwischen zwei Ehepaaren. Captain Edward Ashburnham und seine Frau Leonora sind Engländer, der Erzähler John Dowell und seine Frau Florence sind Amerikaner, die vor allem in Frankreich leben. Die beiden Paare treffen sich über neun Jahre hinweg im Sommer in dem deutschen Kurort Bad Nauheim. Ihre Geschichte und ihre Beziehungen werden ausschließlich aus der Sicht des Erzählers geschildert.

Dieser Erzähler allerdings scheint – obwohl mitten im Geschehen stehend – nicht wirklich alles mitbekommen oder verstanden zu haben. Das gibt er auch gleich zu Beginn zu: „ We had known the Ashburnhams for nine seasons of the town of Nauheim with an acquaintanceship as loose and easy and yet as close as a good glove’s with your hand. My wife and I knew Captain and Mrs. Ashburnham as well as it was possible to know anybody, and yet, in another sense, we knew nothing at all about them. This is, I believe, a state of things only possible with English people of whom, till to-day, when I sit down to puzzle out what I know of this sad affair, I knew nothing whatever.”

Erst im Rückblick scheint der Erzähler die Ereignisse und die Beziehungen zu verstehen. Aber sicher ist er sich nie. Waren die Ashburnhams denn nicht ein „model couple“? Und waren sie alle zusammen nicht wirklich „quite good people“? Ist seine Frau Florence denn nicht an ihrem schwachen Herz gestorben? Oder war es Selbstmord, wie Leonora sagt? Und wenn ja, warum?

Mehr verrate ich über die Geschichte nicht, um die Spannung nicht zu verderben (wer neugierig ist, folge den Links unten). Stattdessen möchte ich den Blick auf diejenige Eigenschaft des Romans lenken, die viel bedeutsamer ist: nämlich die Art und Weise, wie erzählt wird, wie Gesagtes gesagt und gleichzeitig bezweifelt wird.

Sprache als Wirbelstrom

Nein zu sagen, wenn man es eigentlich gar nicht meint, wäre ein Bespiel. Nun ist im Englischen das Frageanhängsel in verneinter Form ohnehin ein übliches Sprachmittel („It’s easy, isn’t it?“). In The Good Soldier wird diese Eigenart jedoch auf die Spitze getrieben.

Ein sprachliches Mittel zur Erzeugung von Unsicherheit ist die doppelte Verneinung – kommt sie gehäuft vor wie hier, ist es auf Dauer mühsam, sie aufzulösen. Ein Beispiel schließt sich direkt an den oben zitierten Absatz an: „I don’t mean to say that we were not acquainted with many English people.” Minus (don’t) mal minus (not) ergibt plus – sie kannten also viele Engländer.

Soweit kann der Verstand ja noch folgen. Schwieriger wird es bei dreifachen Verneinungen, hier verhakt man sich beim Versuch der Auflösung komplett. Leider habe ich die nicht notiert – wenn Sie also welche im Text entdecken, freue ich mich über Ihren Hinweis.

Drei weitere sprachliche Mittel gibt es, mit denen der Autor einen sprachlichen Sog erzeugt, in dem der Leser die Orientierung über wahr oder falsch verliert:

1.       Bekräftigungen, die Aussagen als besonders wahr – oder falsch – bestätigen sollen – wie der Eid im Namen Gottes im ersten Satz des nachfolgenden Zitats;

2.       Fragen an den Leser (zweiter und vierter Satz) – bei denen unklar ist, ob sie als rhetorische Fragen nur die Zustimmung des Lesers verlangen oder ob sie als echte Fragen den Leser auffordern, selbst eine Antwort zu finden („isn’t it true?“);

3.       Ein abschließender Satz, der alles vorher Gesagte wieder in Frage stellt und zudem mit Auslassungspunkten endet und damit die Aussage völlig in der Schwebe lässt („I don’t know …“).

Hier das Beispiel: „And yet I swear by the sacred name of my creator that it was true. If for nine years I have possessed a goodly apple that is rotten at the core and discover its rottenness only in nine years and six months less four days, (Anm.: Er meint die glückliche Zeit der beiden Ehepaare. Die sich leider im Nachhinein als Lüge und Betrug herausstellt) isn’t it true to say that for nine years I possessed a goodly apple?” (= ist es nun wahr oder nicht?). So it may well be with Edward Ashburnham, with Leonora his wife and with poor dear Florence. And, if you come to think of it, isn’t it a little odd that the physical rottenness of at least two pillars of our four-square house (Anm.: er meint die vier Personen des Freundeskreises) never presented itself to my mind as a menace to its security? It doesn’t so present itself now though the two of them (Anm.: Florence und Edward) are actually dead. I don’t know …“

Der Effekt dieses Romans auf mich als Leserin war bemerkenswert: Ich kam mir vor wie in einem Wirbelstrom, der mich hier- und dorthin schleuderte, bis ich nicht mehr genau wusste, was der Erzähler nun eigentlich gesagt hat. Ich zweifelte an meinem Englisch und habe zum ersten Mal den Roman gleich im Anschluss auf Deutsch gelesen. Ja, es wurde ein bisschen klarer. Aber nicht glasklar.

Die Literaturwissenschaft nennt diese erzählerische Konstruktion den „unzuverlässigen Erzähler“. John Dowell ist ein Musterbeispiel für einen solchen Erzähler, dem man nicht (ver)trauen kann – und auch nicht (ver)trauen soll.

Die Verunsicherung des Lesers ist Programm. Der Leser muss selbst aktiv werden, um das Erzählte in eine für ihn stimmige Ordnung zu bringen. Und er muss damit leben können, daran zu scheitern.

Meine persönliche Erfahrung mit diesem Roman

Antworten auf die Frage nach den Ursachen für das never-ending BREXIT-Dilemma habe ich also nicht gefunden. Natürlich könnte ich diese Passage zweckentfremden und auf den BREXIT beziehen: “a state of things only possible with English people of whom, till to-day, when I sit down to puzzle out what I know of this sad affair, I knew nothing whatever”. Aber das wäre literaturwissenschaftlich höchst unzulässig und zudem nicht die feine britische Art.

Was der Roman mir eröffnet hat, ist ein Blick in das England vor dem Ersten Weltkrieg, in der die englische (Klassen-)Gesellschaft mit ihren Verhaltensweisen noch greifbar, aber schon in Auflösung begriffen war. Natürlich ist der historische Abstand zu groß, um direkt Schlüsse zur Gegenwart zu ziehen. Da gibt es noch einige Stationen auf dem Weg durch das 20. Jahrhundert, an denen haltzumachen ist, um die englischen Eigenheiten von heute besser zu verstehen.

Aber die wichtigste Lektion für mich war diese: Ich mochte diese höchst ambivalente Geschichte. Ich habe mich gerne verunsichern lassen und freudig alle Spuren zur Auflösung verfolgt. Am Ende war ich sogar bereit, mein Scheitern zu akzeptieren – denn um alle Fallen dieser Geschichte vollständig zu entdecken und alle Knoten aufzulösen, hätte ich den Roman noch ungezählte Male lesen müssen. Das heißt aber: Dieser Roman hat mir eine wirksame Lektion in Ambiguitätstoleranz erteilt – also in der Fähigkeit, Widersprüche und Unklarheiten auszuhalten. Diese Fähigkeit auf die reale Welt zu übertragen wird eine Herausforderung sein, der es sich zu stellen gilt.

Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn dies nicht ein sehr IRM-spezifisches Thema ist …

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Ein Beitrag von IRM-Professorin Dr. Gabriele Blod, Juni 2019

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